Ende des 19. Jahrhunderts erschien einigen Ingenieuren Pneumatik als Beförderungs- und Kommunikationstechnik der Zukunft. Mit Hilfe von Luftdruck statt Elektrizität sollten etwa Menschen in atmosphärischen Eisenbahnen transportiert oder Briefe in Büchsen durch die Stadt geschossen werden. Der Kulturwissenschaftler Florian Bettel hat sich mit den Anfängen der (Wiener) Rohrpost auseinandergesetzt. Er erklärt unter anderem, warum der Plan eines pneumatischen Leichentransports zum Wiener Zentralfriedhof scheiterte und wie sich die Stadtrohrpost in einigen Großstädten wie Wien, Paris oder Berlin etablierte. Während es Rohrpostanlagen in vielen Gebäuden heute noch gibt, gilt die Rohrpost als Sinnbild für überbordende Bürokratie – oder für das Internet.

Die Rohrpostzentralstation in Wien, ca. 1910. Quelle: WStLA, Wiener Stadt- und Landesarchiv, media wien, 9771

Die Rohrpostzentralstation in Wien, ca. 1910. Quelle: WStLA, Wiener Stadt- und Landesarchiv, media wien, 9771

Linkliste: Florian BettelEroberung des Untergrunds (Dissertation), Wiener Zentralfriedhof (Wikipedia), Brazil (Wikipedia), atmosphärische Eisenbahn (Wikipedia), Semmeringbahn, Franz von Felbinger (Wikipedia), Ted Stevens: Internet as Series of Tubes (Wikipedia), Beach Pneumatic Transit, New York (Wikipedia), Wiener Weltausstellung 1873 (Wikipedia), Rotunde (Wikipedia), Miasma (Wikipedia), Sumetzberger (Hersteller von Rohrpostanlagen)

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Computerbasierte Simulationsmodelle haben einige Wissenschaften, wie die Atomphysik oder die Biologie, in den letzten Jahrzehnten maßgeblich verändert. Denn Forschung basiert nun nicht mehr nur auf den erprobten Verfahren von Theorie und Experiment, sondern versucht, Zukunft quantifizierbar zu machen – etwa zur Berechnung eines Restrisikos. Der Medienwissenschaftler Sebastian Vehlken arbeitet zur Theorie und Geschichte der Computersimulation und beschäftigt sich mit Schwarmforschung und Supercomputing. Er erklärt, welche Rolle Hollywood und Batman bei der Entwicklung von Simulationsmodellen spielte und warum Computersimulationen häufig Katastrophen imaginieren.

Linkliste: Sebastian Vehlken (IFK, Leuphana Universität Lüneburg), DFG-Kollegforschergruppe Medienkulturen der Computersimulation, Dissertation: Zootechnologien. Eine Mediengeschichte der Schwarmforschung, Emergenz (Wikipedia), Bionik (Wikipedia), Manhattan-Projekt (Wikipedia), Norbert Wiener (Wikipedia), Stafford Beer (Wikipedia), Viktor Mayer-Schönberger: Freiheit und Vorhersage – Über die ethischen Grenzen von Big Data, Wunderland Kalkar, Google Flu Trends (Wikipedia), Bruno Latour (Wikipedia), Eyjafjallajökull (Wikipedia)

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Wichtige Grundlagen geschichtswissenschaftlichen Arbeitens scheinen sich im Moment zu verändern: Texte können mit Hilfe von Software kollaborativ verfasst werden, Quellen liegen häufig als Digitalisate und Onlineressourcen in Datenbanken vor. Die Publikation eines Aufsatzes erfolgt dann bei einem Open Access-Verlag. Diskutiert wird der Text anschließend nicht mehr nur mit FachkollegInnen auf der nächsten Tagung, die natürlich einen Twitterhashtag bekommt, sondern auch auf dem Projektblog, wo in zahlreichen Blogposts die Argumentation des Beitrages erläutert wird. Handelt es sich dabei lediglich um wenige Ausnahmen, oder erleben wir tatsächlich gerade einen ‘digital turn’? Jan Hecker-Stampehl ist Historiker und mit zahlreichen Webpräsenzen sichtbarer Teil einer sich wandelnden Geschichtswissenschaft. In einem Forschungsprojekt untersucht er die Veränderungen der Geschichtskultur durch das Internet. Wir sprechen über die Auswirkungen des digitalen Wandels und über die Frage, ob es eine ‘digitale Geschichtswissenschaft’ überhaupt gibt.

Linkliste: Jan Hecker-Stampehl (Twitter, HU Berlin), NordicHistoryBlog, history@the.net – digital cultures of history on the web, Roy Rosenzweig (Wikipedia), AG Digitale Geschichtswissenschaft, Jahrestagung der Digital Humanities im deutschsprachigen Raum (DHd2014), Archivalia, Blogportal hypotheses

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In den Jahren 1951 bis 1962 wurden an sechs Standorten in Deutschland insgesamt 4.000 Kriegs- und Nachkriegskinder für die Studie “Deutsche Nachkriegskinder” medizinisch und psychologisch untersucht. Zwar bieten die Datenbestände für die Wissenschaftsgeschichte einen wichtigen Einblick in die Methoden und Arbeitsweisen der Psychologie in den 1950er Jahren, gleichzeitig eröffnet sich aber die Chance für eine einzigartige Langzeitstudie. Denn in einer Nachfolgestudie könnte die Entwicklung der “Nachkriegskinder” über die gesamte Lebensspanne nachvollzogen werden, und das auf der Grundlage historischer Originaldaten, die bislang noch nie vollständig ausgewertet wurden. Voraussetzung dafür ist es allerdings, die “Nachkriegskinder” wiederzufinden, und das auf Basis der Meldedaten aus den 1950er Jahren. Der Historiker und Psychologe Sascha Foerster machte sich deshalb auf die schwierige Suche nach den “Nachkriegskindern”. Eine Suche, die zumindest für ein Jahr, auf einem für wissenschaftliche Projekte noch immer ungewöhnlichem Weg finanziert wurde.

Linkliste: Sascha Foerster (Blog, Twitter), Deutsche Nachkriegskinder (Zentrum für Alternskulturen, Bonn), Deutsche Nachkriegskinder auf Twitter, Crowdfunding (Wikipedia), Sciencestarter, Deutsche Nachkriegskinder auf Sciencestarter, Tweet von @MschFr über Donation-Matching, Marshallplan (Wikipedia), Bild: Bundesarchiv, Bild 183-2003-0703-500 (CC-BY-SA 3.0 DE)

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Privatheit ist Bedingung für menschliche Freiheit und Kernelement des zivilen Lebens, heißt es in dem Buch “Privatheit im digitalen Zeitalter”, das der Historiker Wolfgang Schmale gemeinsam mit der Datenschutzexpertin und Juristin Marie-Theres Tinnefeld herausgegeben hat. Wie lässt sich jedoch ein Begriff wie “Privatheit” oder das Konzept der informationellen Selbstbestimmung in die Vergangenheit übertragen und wie kann eine historische Perspektive und kulturgeschichtliche Einbettung die gegenwärtige Datenschutz-Debatte in Zeiten nach den Snowden-Leaks erweitern? Im Gespräch erläutert Wolfgang Schmale, inwiefern das massenhafte Sammeln von Daten durch Geheimdienste nicht unbedingt immer einen Qualitätssprung staatlicher Überwachung bedeutet und warum Staaten letztlich Schaden nehmen, wenn sie ihre Bürgerinnen und Bürger in hohem Maße ausspähen.

Linkliste: Wolfgang Schmale, Buch: Privatheit im digitalen Zeitalter (Böhlau 2014) gemeinsam mit Marie-Theres Tinnefeld, Geschichte des privaten Lebens (5 Bände), Foucault und Biopolitik (Wikipedia), Viktor Mayer-Schönberger (Wikipedia), Kassandra (Wikipedia)

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Ornamente galten vor 1900 als bloßes Beiwerk, Zierde oder Staffage. Zwar wurde das Ornament, als “Haut der Gegenstände nach Außen”, auch vorher schon thematisiert, jedoch als verdächtiger, problematischer Grenzfall zwischen Zeichen, Rahmen oder Funktion und nicht als eigenständige Form. Sichtbaren Ausdruck erhält das Ornament als autonome Kunstform im Jugendstil, der ersten Lifestyle- und Designbewegung im Fin de Siècle. Zu deren bekanntesten Vertretern gehörten in Wien beispielsweise Gustav Klimt oder Otto Wagner. Andrea Wald ist Kulturwissenschaftlerin und sie untersucht das Ornament als Denkstil im Kontext von wissenschaftlichen Studien und kunsthistorischer Theorien. Es handelt sich außerdem um die erste SdK-Episode, für die sich ein Spaziergang durch Wien empfiehlt, weil die Debatten um das Ornament im Stadtraum erfahrbar sind, etwa beim Weg von der Wiener Ringstraße zum Looshaus am Michaelerplatz hin zur Linken Wienzeile.

Linkliste: Andrea Wald (University of Chicago, IFK), Historismus (Wikipedia), Wiener Ringstraße (Wikipedia), Jugendstil (Wikipedia), Eingangsportal der Weltausstellung 1900 von René Binet, Linke Wienzeile (Wikipedia), Gottfried Semper (Wikipedia), Adolf Loos (Wikipedia), Looshaus (Wikipedia), Alois Riegl (Wikipedia), Ernst Haeckel (Wikipedia), Hugo von Hofmannsthal (Wikipedia), Salzburger Festspiele

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Die römische Geschichtsschreibung setzte erstaunlich spät ein. Erst gegen Ende des 3. Jahrhunderts vor Christus, nachdem Rom bereits ein bedeutender Akteur im Mittelmeerraum war, begannen römische Aristokraten mit den ersten schriftlichen Aufzeichnungen. Ein besonderes Merkmal dieser Historiographie ist, dass die frühen römischen Historiker ausschließlich Gesamtgeschichten verfassten, von der mythischen Stadtgründung durch Romulus und Remus bis zur eigenen Gegenwart im 2. Jahrhundert vor Christus. Der Historiker David Lindschinger untersucht diese nur in zahlreichen Fragmenten überlieferten Texte von insgesamt 15 Autoren und bettet sie in ihren sozio-politischen Kontext ein. Er versucht damit zu erklären, warum die römische Geschichte immer wieder so erzählt wurde, schießlich spielte die Erinnerungskultur bei den römischen Eliten eine zentrale Rolle, was sich zum Beispiel in komplexen Begräbnisritualen zeigt.

Linkliste: David Lindschinger (IFK), Titus Livius: Ab urbe condita (Wikipedia), Fabius Pictor (Wikipedia), The Fragments of the Roman Historians (Wikipedia), Livius Andronicus (Wikipedia), Mos maiorum (Wikipedia), Polybios (Wikipedia), Cato der Ältere (Wikipedia), Römische Republik (Wikipedia)

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Höhlen werden seit vielen Jahrhunderten als Wirtschaftsräume genutzt und gelten zugleich als mythische Orte, die häufig mit Fruchtbarkeit assoziiert wurden. Mitte des 19. Jahrhunderts setzte eine neue Form der Tiefenaneignung ein: Höhlen wurden vermessen, kartografiert und benannt. Anschließend entstand nicht nur eine deutschnationale Vereinsbewegung durch engagierte Tiefenalpinisten, sondern setzte auch eine Verwissenschaftlichung ein, die mit der Einrichtung eines eigenen Lehrstuhls an der Universität Wien ihren Höhepunkt erreichte. Der Historiker Johannes Mattes hat eine Kulturgeschichte der Höhlenforschung geschrieben, in der es um das “Reisen ins Unterirdische” geht. Wir sprechen über das Begehen von Höhlen von der Antike bis zur einsetzenden Verstaatlichung im Zuge ihrer wirtschaftlichen Ausbeutung im Rahmen der Höhlendüngeraktion und über die Popularisierung durch Schauhöhlen, die bis in die Gegenwart reicht.

Linkliste: Johannes Mattes: Reisens ins Unterirdische, Speläologie (Wikipedia), Karst (Wikipedia), Dachstein Mammuthöhle, Drachenhöhle (Wikipedia), Kurt Ehrenberg (Wikipedia), Othenio Abel (Wikipedia), Lamprechtsofen (Wikipedia), Lurgrotte, Höhlendüngeraktion (Wikipedia), Adolf Schmidl (Wikipedia), Geheimsache Bärenhöhle, Eisriesenwelt, Gassel-Tropfsteinhöhle Ebensee, Linzer Grottenbahn am Pöstlingberg (Wikipedia), Mammoth-Cave (Wikipedia)

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Nach §26 des Datenschutzgesetzes hat jede Person, die von einer Überwachungskamera aufgezeichnet wurde, das Recht, Auskunft über die verarbeiteten Daten zu erhalten. Der Soziologe Robert Rothmann hat in einem Krisenexperiment untersucht, was passiert, wenn er die Bilder tatsächlich einfordert. Zahlreiche Betreiber von Videoüberwachungsanlagen wurden nach seinem Besuch mit einem Auskunftsbegehren konfrontiert, darunter Banken, Museen, Supermärkte, die kleine Trafik ums Eck, eine Disco und sogar ein Würstelstand. Es hat sich gezeigt, dass die Macht-Asymmetrie zwischen Beobachtung und Überwachung durch das Auskunftsrecht nicht aufgehoben werden kann, vor allem, weil der Anspruch auf Auskunft in der Praxis kaum durchsetzbar ist. Nicht zuletzt zieht das Nachfragen eine unangenehme Sogwirkung der Verdächtigung nach sich.

Linkliste: Robert Rothmann, Datenschutzgesetz (§26 Auskunftsrecht), Max Schrems (Wikipedia), Krisenexperiment (Wikipedia), Michel Foucault (Wikipedia), Google Glass

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Der Medienwissenschaftler Ramón Reichert untersucht digitale Medienkulturen und hat vor kurzem das Buch “Die Macht der Vielen. Über den neuen Kult der digitalen Vernetzung” veröffentlicht. Darin geht es ihm um eine Zeitdiagnose, in der er beschreibt, wie die digitale Kommunikation neue Formen der Subjektivierung etabliert. Zwar kommt es zu einer Aufwertung kollektiver Partizipation, doch schwankt ihre Bewertung in einem breiten Spektrum zwischen Euphorie und Dystopie. Je nachdem, ob wir vom Internet als Freiheitstechnologie sprechen oder den Kontroll- und Steuerverlust beklagen. Wir reden unter anderem über Kulturen der Selbstregulierung, die durch digitale Vernetzung eine neue Qualität erreicht haben, etwa mit der Quantifed Self-Bewegung und neuen Formen der Katalogisierung des Selbst. Außerdem sprechen wir darüber, warum die Frontend-Euphorie nach Snowden zum Problem wird und wieso “Die Macht der Vielen” nicht “Die Unmacht der Vielen” heißt.

Linkliste: Ramón Reichert, Die Macht der Vielen. Über den neuen Kult der digitalen Vernetzung (transcript), Michael Jackson: The Mask Project, Critical Code Studies, Countersurveillance (Wikipedia), Panopticon (Wikipedia), Internet Eyes (Futurezone), Quantified Self (Wikipedia), Geert Lovink, Edward Snowden (Wikipedia), DIY-Kultur (Wikipedia)

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Die Wissenschaftsgeschichte hat das Thema Elektroakustik lange vernachlässigt und sich stattdesssen auf Quantenmechanik oder Kernphysik konzentriert. Ebenso wie die Physik, wo nach den Arbeiten von Hermann von Helmholtz die Akustik als Nischenthema galt. Zu Unrecht, wie der Wissenschaftshistoriker Roland Wittje zeigt. Denn gerade in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts führte die Beschäftigung mit Akustik und Schall zu neuen Messmethoden und war von zentraler Bedeutung während des Ersten Weltkriegs, etwa für Ortungen von Artillerie, U-Booten oder Flugzeugen. Sichtbare Effekte der Arbeiten zur Elektroakustik waren die Durchsetzung des Radios und des Tonfilms ebenso wie die Weiterentwicklung der Lautsprechertechnik.

Linkliste: Roland Wittje (Wissenschaftsgeschichte, Uni Regensburg), Two Cultures (Wikipedia), Johan Peter Holtsmark (Wikipedia), Hermann von Helmholtz (Wikipedia), Max Wien (Wikipedia), Thomas Hughes (Wikipedia), Peter Galison, Emily Thompson: Soundscape of Modernity, Peter Donhauser: Elektrische Klangmaschinen

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Die SA zählte zu den wichtigsten nationalsozialistischen Organisationen, deren Geschichte eng mit dem Aufstieg Hitlers zum Reichskanzler verbunden ist. Die Niederlage im internen Machtkampf gegen die SS unter Heinrich Himmler nach der Eskalation im sog. »Röhm-Putsch«, führte allerdings dazu, dass sie nach 1934 aus dem Blickfeld der Aufmerksamkeit verschwand. Zu Unrecht, wie der Historiker Daniel Siemens argumentiert. Er wagt sich an eine neue Gesamtgeschichte der SA, in der die Geschichte der SA nach 1934 nicht nur Nachklang oder Epilog darstellt, schließlich blieb die SA eine paramilitärische Millionenorganisation, die weiterhin im nationalsozialistischen Machtgefüge wichtige Funktionen erfüllte und identitätsstiftend wirkte.

Links: Daniel Siemens, SA (Wikipedia), Ernst Röhm (Wikipedia), Potempa-Mord (Wikipedia), Nürnberger Prozesse (Wikipedia), Horst Wessel: Tod und Verklärung eines Nationalsozialisten (Amazon)

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